Reinhardt, Maik

Reinhardt, Maik

Maik Reinhardt wurde am 11. Mai 1964 im sächsischen Frankenberg geboren.

Welchen Bezug hat der Zeitzeuge zum Kaßberg-Gefängnis?

Maik Reinhardt wurde wegen „versuchter Republikflucht“ zu 22 Monaten Haft verurteilt. Einen Teil der Haftstrafe musste er im Kaßberg-Gefängnis verbüßen.

Kurzbiografie

„40 Menschen mit Aktenkoffern und 20 Menschen mit Handschellen“

Maik Reinhardt begann nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule in Frankenberg eine Ausbildung zum Elektromonteur beim VEB Gebäudewirtschaft Karl-Marx-Stadt. Im März 1989 entschloss er sich dazu, die DDR zu verlassen, nicht zuletzt wegen der drohenden Einberufung zur Nationalen Volksarmee. Er wusste von einem Freund, dass dieser ebenfalls plante, dem Land auf „illegalem“ Wege für immer den Rücken zu kehren. Die beiden starteten im April 1989 einen ersten Versuch über die Sächsische Schweiz zu fliehen. Beide hatten ihre Papiere und das nötige Werkzeug – Seile, Bolzenschneider und Übersteighacken – dabei. Sein Freund holte ihn mit dem Motorrad zunächst im Bereich Mezní Loukaab. Anschließend passierten sie den Böhmerwald. Da der Freund von Maik Reinhardt Bergsteiger war, kannte er eine direkt an der Grenze gelegene Kletterroute, die zu einem Gipfel im Böhmerwald führte. Der Gipfel befand sich in der Tschechoslowakischen Republik. Im Böhmerwald angekommen, erschwerte ihnen Neuschnee das Klettern immens. Da sie zudem noch von tschechoslowakischen (zivilen) Polizisten beobachtet wurden – ebenso gut konnten es Mitarbeiter der ostdeutschen Geheimpolizei gewesen sein –, brachen sie ihr Vorhaben ab.

Am 19. April 1989 unternahmen sie einen zweiten Versuch. Den beiden Freunden erschien für den Grenzübertritt die Gegend um Marienbad herum als geeignet. Sie stellten das Motorrad in Marienbad auf dem Bahnhofsparkplatz ab und schlossen ihr Gepäck im Bahnhof ein. Gegen 15.00 Uhr machten sie sich auf den Weg gen „Westen“. Es war etwa 00.30 Uhr als sie an den ersten Grenzzaun gelangten. Sie lösten einen lauten Alarm aus. Nach ein paar Minuten durchkämmten Soldaten mit Hunden den Wald. Die beiden jedoch blieben unentdeckt. Maik Reinhardt und sein Freund warteten kurz, um sich neu zu orientieren, anschließend trennten sie sich. Rückblickend weiß Maik Reinhardt nicht mehr warum sich eigentlich im Wald getrennt hatten. Er lief westwärts tiefer in den Wald hinein. Nach etwa einem Kilometer erkannte er in der Dunkelheit eine von Hunden gehetzte Gestalt. Seinen Freund verhafteten die Grenzer nur 50 Meter von ihm entfernt. Nach zehn Minuten kehrte Ruhe ein. Maik Reinhardt versuchte sich zu orientieren und lief noch gut einen Kilometer weiter bis er ein metallisches Geräusch vernahm. Er dachte an eine entsicherte Maschinenpistole. Blitzartig reagierte er, indem er die Hände erhob und sich auf den Waldboden kniete. Eine Minute verging und zwei Schäferhunde legten sich rechts und links neben ihn.

Nach der Festnahme erfolgte der Transport in die Grenzkaserne nach Cheb (Eger). Am nächsten Morgen ging es für ihn weiter nach Plzeň (Pilzen) und von dort aus eine Woche später nach Prag. Dort sprach er das erste Mal mit Offizieren des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Diese erklärten ihm, entweder werde er in die DDR ausgeliefert oder in der Tschechoslowakischen Republik verurteilt. Am 2. Mai 1989 gegen 6.00 Uhr wurde Maik Reinhardt mit rund 20 anderen Personen in Handschellen auf den Prager Flughafen geführt. Bevor er das Flugzeug bestieg, erhielt er deutsche Handschellen. In dem Flieder befanden sich „40 Menschen mit Aktenkoffern und 20 Menschen mit Handschellen“, so Maik Reinhardts Erinnerung. Das Flugzeug erhob sich Richtung Berlin Schönefeld. Es folgte Aufenthalte in Berlin Schönefeld und Hohenschönhausen, bevor er nach Dresden kam. Die Fahrt nach Dresden erfolgte in einem getarnten Fahrzeug der Energieversorgung. Von Dresden aus ging es in einem Barkas mit der Aufschrift „Täglich frischer Fisch“ weiter Richtung Karl-Marx-Stadt.

Maik Reinhardt wurde zu 22 Monaten Haft verurteilt, ebenso sein Freund, der in Dresden in Haft kam. Anfang August 1989 übergab das MfS Maik Reinhardt dem Ministerium des Inneren. Sein Weg führte ihn vom Kaßberg-Gefängnis über Leipzig (Alfred-Kästner-Straße) zwei Wochen später nach Rackwitz. Am 8. November 1989 erhielt Maik Reinhardt die Nachricht von seiner abgelehnten Amnestie. Seine Frau besuchte ihn am 11. November und teilte ihm mit, seiner Amnestierung werde nun doch statt gegeben. Am 16. November 1989 erfolgte seine Entlassung in Leipzig.

Maik Reinhardt verließ die DDR am 28. November 1989 Richtung Schweinfurt. Bereits im Dezember 1989 fand er eine Anstellung als Elektriker. Im Jahr 1990 bewarb er sich in Hamburg bei einem Hersteller für Großküchentechnik. Nach zwei Monaten als Kundendiensttechniker stieg er zum Kundendienstleiter auf. Im Mai 1991 kehrte Maik Reinhardt in den Raum Chemnitz zurück.

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Das Magazin Lebenslust hat in seiner Ausgabe 3/2014 ausführlich über Maik Reinhardt berichtet. Den gesamten Artikel können Sie in der Rubrik Medienecho.